Der Wandel des Bezirks nach dem Mauerfall

Der Wandel des Bezirks nach dem Mauerfall

Zu DDR-Zeiten war Berlin Mitte ein widersprüchlicher Bezirk. Hier lag das gehegte, als Idealbild der modernen sozialistischen Stadt vorwiegend in den 1960er Jahren errichtete Zentrum um Alexanderplatz, Karl-Liebknecht-Straße und Rathauspassagen. Hier befanden sich auch die sorgfältig rekonstruierten klassizistischen Wuchtbauten des Boulevards Unter den Linden, auf dem im Zuge einer DDR-Renaissance des preußischen Erbes in den 1980er Jahren sogar das Reiterstandbild Friedrich des Großen wieder aufgestellt wurde. Mit dem Nikolaiviertel, einem umstrittenen Plattenbau-Disneyland im nachempfundenen Altberliner Stil, beherbergte Berlin Mitte seit 1987 noch ein weiteres Prestigeprojekt der DDR-Architektur.

Andererseits war etwa die Wilhelmstraße (damals Otto-Grotewohl-Straße) durch die Nähe zur Mauer zu großen Teilen brachliegendes Niemandsland. Anderswo, wie in der Spandauer Vorstadt mit dem historischen Scheunenviertel und auch an der Grenze zum Prenzlauer Berg waren ganze Straßenzüge mit Altbauten dem langsamen Verfall preisgegeben. Mit einer Ausnahme: Bereits zur 750-Jahr Feier der Stadt 1987 wurde die Sophienstraße saniert und mit Handwerks- und Kunstgewerbegeschäften neu belebt.

Umbruchzeiten nach 1989

Tacheles 1995

Die Rückseite des Tacheles im Jahr 1995

Der Mauerfall schlug wie ein Blitz in diesen seltsamen Zwitterbezirk ein. Niemandsland und verwahrloste Viertel wurden schnell von Studenten und anderem Jungvolk, Künstlern, Kreativen und Partyveranstaltern entdeckt. Eine große, romantische Übergangszeit brach an, in der fast alles möglich war. Klubs und Bars erblühten in einem denkmalgeschützten Umspannwerk, in den Tresorräumen der Ruine des Wertheimkaufhauses an der Leipziger Straße, in ehemaligen Ladenlokalen, besetzten Häusern, Kellerräumen und in einem gigantischen Hochbunker. Das prominenteste Objekt unter den besetzten Häusern war zweifellos das Tacheles. In einer Kaufhausruine an der Oranienburger Straße entstanden Ateliers, Ausstellungsflächen, eine Bar, ein Programmkino und ein Off-Theater. Rund um das Tacheles siedelte sich szenige Gastronomie an und machte die Oranienburger zur ersten In-Meile Mittes.

Partys, Kultur und gastronomische Angebote der zugezogenen Pioniere verwandelten das ehemalige Arbeiterviertel Spandauer Vorstadt in ein angesagtes Szeneviertel und leiteten so den Prozess ihrer Sanierung und Gentrifizierung ein. Heute ist die Spandauer Vorstadt ein makellos hergerichtetes, hoch begehrtes Viertel mit teuren Läden und kreativen Restaurants, das gut betuchte Mieter und Touristen anzieht. Besetzte Häuser oder schräge Clubs haben die extreme Steigerung der Grundstückspreise nicht überlebt. Im September 2012 wurde schließlich auch das Tacheles nach langem Rechtsstreit endgültig geräumt. Der Bunker in der Reinhardstraße gehört heute einem Wuppertaler Kunstsammler, der auf dem Dach ein Penthouse errichtet hat.

Neue Mitte einer Weltstadt
Auch die Friedrichstraße liegt nach Jahren im Mauerschatten wirklich wieder in der Mitte Berlins. Bis 2010 wurden hier die letzten Baulücken geschlossen. Mit dem Kulturkaufhaus Dussmann, dem französischen Nobelwarenhaus Galeries Lafayette, dem Edel-Einkaufszentrum Quartier 206 und zahlreichen Marken- und Designer-Repräsentanzen wurden hier beste Bedingungen für gepflegtes Shoppen geschaffen. Auch der nahegelegene Gendarmenmarkt gehört mittlerweile zu Berlins teuersten Adressen.

Am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie erinnert das Mauermuseum an die geteilte Stadt. Weitere Stätten der Erinnerung in Mitte sind die Ausreisehalle des Grenzübergangs Bahnhof Friedrichstraße – der Tränenpalast – und die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Neben dem Brandenburger Tor wurde 2005 das Holocaust-Mahnmal eingeweiht.

Berliner Schloss

Computervisualisierung des Berliner Schlosses

Dem einstigen Zentrum Ostberlins um den Alexanderplatz hat der Mauerfall, wie zu erwarten war, ein wenig zugesetzt. Unzusammenhängende Neugestaltungen wie die veränderte Fassade des Karstadt-Warenhauses und der Neubau des Alexa-Einkaufszentrums ließen den Alexanderplatz ein wenig verloren und konzeptlos zurück. Immerhin fährt nun wieder die Straßenbahn so wie in den 1920er Jahren quer über den Platz, und die Pläne für eine Neubebauung sind bereits verabschiedet. Ein Stück weiter südwestlich am Spreeufer fällt heute eine verblüffend leere grasbewachsene Freifläche auf. Hier stand einst der Palast der Republik, Sitz der DDR-Volkskammer und repräsentatives DDR-Kulturhaus. Der Koloss – mit seinen dunklen Glasfronten und dem massenhaft verbauten Spritzasbest ein Kind der 1970er Moderne – wurde 2006-2008 abgerissen. Die Brache wartet nun auf den krönenden Abschluss der Wiederauferstehung der Deutschen Hauptstadt, die Neuerrichtung des Berliner Stadtschlosses.